ALESIA & VINICIUS

Mitte August 2023 durfte ich Alesia und Vinicius im ATS bekannt als Violetta und Vinnie abholen. Sie wurden zuerst im grossen Katzen-Spielzimmer einquartiert, um sich zu erholen und in Ruhe anzukommen. Ich wollte nicht riskieren, dass sich eine/r überfordert fühlen könnte, daher ging ich langsam mit Gittertüre vor. So konnten auch meine drei bestehenden Katzen schon mal Kontakt aufnehmen, ohne sich überrumpelt zu fühlen.
Als das restliche Haus und später der eingezäunte Garten zugänglich wurden, zeigte sich der sonst so grossspurige Vinicius eher vorsichtig, während Alesia mutg herum wuselte, überall hochkletterte, alles genaustens untersuchte und dabei leise, quiekende Geräusche von sich gab, die man eher einem Meerschweinchen als einer Katze zuschreiben würde. So macht sie immer, wenn sie in freudiger Aufregung ist, klingt total putzig. Sie stellte sich auch draussen als erstklassige Klettermeisterin heraus, was man ihr aufgrund ihres etwas seltsamen Körperbaus nicht zutrauen würde. Ich unterschätzte sie anfangs andauernd, denn sie wirkt manchmal völlig verpeilt und langsam und teilt auf ihren kurzen, krummen Beinchen das Gangbild mit einem Komodowaran. Inzwischen weiss ich, dass sie in jeder Lage prima zurechtkommt und urplötzlich von null auf hundert durchstarten kann. Sie kann auch sehr verschlagen und frech sein. Nicht nur mich, auch die anderen Katzen versetzt sie regelmässig in Erstaunen. Selbstbewusst, unscheinbar und hartnäckig bahnt sie sich ihren Weg zum Ziel. Den ungestümen, lauten, tollpatschigen und körperlich überlegenen Vini hat sie gut im Griff. Ausserdem ist sie absolut furchtlos. Ja, absolut.

Vinicius ist ein wunderschöner, temperamentvoller Kater, der altersgemäss nur entweder schläft oder Vollgas gibt. Jeder, der ihn sieht und streichelt, ist sofort verliebt. Er ist sehr von sich selbst überzeugt und äusserst mitteilsam, dies in erstaunlicher Varianz. Ich finde es sooooo lustig, wenn er einfach etwas vor sich hin brabbelt oder wenn er mich in direktem Blickkontakt rotzfrech anpflaumt und sich immer weiter hineinsteigert. Meistens geht es darum, dass er den Wasserhahn im Bad aufgedreht haben will. Ich putze dann erst einmal die Zähne oder sortiere die Wäsche. Wenn er sich beruhigt hat, kann er planschen. Ich versuche, sein Miauen, das vor allem mitten in der Nacht auch mal nervig sein kann, nicht durch irgendeine Art von Reaktion zu bestärken. Dadurch lernt er passiv, dass ich ihn auch sehe, wenn er nicht Mordio schreit. Klappt verblüffend gut. Wenn man bedenkt, dass er am Anfang noch miauend und in hektischer Manier auf die Kombination sprang, als fürchtete er, zu kurz zu kommen, ist es ganz erstaunlich, dass er sich nun manchmal sogar gemütlich hinlegt und artig wartet, bis alles parat ist.

Zum Zeitpunkt des Einzugs von Alesia und Vinicius stand der sonst so verschmuste, anhängliche, gutmütige und fürsorgliche Kater Crixus unter Medikamenteneinfluss aufgrund einer schweren allergischen Reaktion auf Herbstgrasmilben. Er verhielt sich mir und sogar seinem besten Freund Scipio gegenüber ängstlich und gereizt. Von den neuen Familienmitgliedern wollte er nichts wissen. Sein Verhalten hatte mich ziemlich nervös gemacht, denn so kannte ich ihn überhaupt nicht! Kaum hatte ich die Medis abgesetzt, wurde er wieder der Alte und begegnete nun auch Alesia und Vinicius mit seiner typischen Geduld und Freundlichkeit und lässt sich immer gern zu Lauer- und Jagdspielen herausfordern.

Der scheue Tiger Scipio hat zwar grössere Vorbehalte gegenüber Menschen, aber er kam bisher mit jeder Katze klar. Er setzt deutliche Grenzen, wenn es ihm zu bunt wird, aber er lässt sich auch gern spielerisch durch den Garten jagen oder nimmt seinerseits Scheinattacken vor. Sein Spieltrieb wird durch die Jungen auf jeden Fall geweckt. Alesia fordert ihr Glück manchmal sehr mutig heraus, indem sie ihm nach dem Fressen oder dem Klogang auflauert und ihn dann erschreckt. Er lässt sich von ihr wesentlich mehr gefallen als von Lucretia und Vinicius. Lucretia, Spitzname «kurze Zündschnur», ist immer noch eher scheu, unsicher und nervös im Verhalten. Ihr Alter liegt schätzungsweise zwischen Alesia und Vini, sie ist also auch noch sehr jung. Die erhoffte Freude über Spielkameraden blieb leider aus. Die Neuen waren ihr unheimlich. Die ersten Begegnungen liefen so ab: Lucretia fauchte, haute ihm oder ihr ein paar Mal auf den Kopf und rannte dann weg. Es war beeindruckend, wie Alesia und Vini jeweils darauf reagiert hatten, tatsächlich gar nicht. Sie blieben stets gelassen sitzen, blickten ihr vielleicht noch hinterher, aber kümmerten sich nicht weiter. Hart im Nehmen, die beiden, mit Nerven wie Drahtseile. Obwohl noch immer keine dicke Freundschaft entstanden ist, macht auch Lucretia öfters bei Jagdspielen mit, und sie begegnen sich problemlos, manchmal sogar freundlich gurrend, und sie fressen artig nebeneinander. Ich versuche, Lucretia mehr in gemeinsame Spiele einzubinden. Das Zusammenrücken im Haus aufgrund des zunehmend garstigen Wetters kommt uns da entgegen. Ich bin sicher, es wird sich alles noch viel besser einpendeln, damit sich Lucretia weniger absondert.

Freundlichere und selbstbewusstere Katzenfreunde hätten wir nicht finden können! Vini und Alesia haben es nicht nötig, sich hervorzutun, indem sie andere – über den normalen, spielerischen Übermut hinaus – triezen und plagen. Gemeinsam werden wir Lucretia zu mehr Ruhe und Sicherheit verhelfen, und die älteren Kater bleiben fit und verspielt.

Ich kann auch nicht genug dafür danken, dass mir empfohlen wurde, nicht nur Vini, sondern auch Alesia zu adoptieren. Ich hatte sie nur deshalb nicht auf dem Schirm gehabt, weil Lucretia schon schwarz ist, und ich hatte auch nicht das Ziel, fünf Katzen zu halten. Aber jetzt, da ich die Kleine näher kenne und sehe, wie sie und Vini noch zusammen spielen, wollte ich sie um nichts in der Welt missen müssen. Sie passt zu uns, sie passt hierher, sie passt zu mir! Alesia ist eine der coolsten, interessantesten Katzen, die ich je kennenlernen durfte – und ich habe allein durch meine frühere Tätigkeit als Pflegestelle eine Menge Katzen kennengelernt.
Wir haben sogar ein gemeinsames Hobby, nur Alesia und ich: Motorradrennen! Ja, erstaunlich, was? Es gibt für uns wenig Schöneres, als an einem faulen Sonntagnachmittag aneinander gekuschelt aufm Sofa abzuhängen und Motorradrennen zu gucken – oder nur den Kommentatoren zu lauschen und dabei friedlich wegzudösen.
Herzliche Grüsse,
Romina und ein Quintett glücklicher Büsis
10. November 2023



